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Der Einbrecher

 
  Das Ereignis, von dem ich jetzt erzählen werde, hat sich von den kleinen sogenannten dichterischen Freiheiten einmal abgesehen, tatsächlich ereignet. Vor etlichen Jahren hatte ein uns gut bekanntes Ehepaar in Spanien Urlaub gemacht. Nach Stuttgart zurückgekehrt, wir wohnten damals auch noch dort, erzählte es meiner Frau das folgende Urlaubserlebnis:  
 
  Für ihren vierwöchigen Urlaub hatte es ein hübsches Einzimmer- Appartement gemietet. Gleich nach ihrer Ankunft beschlossen sie, einen kleinen Erkundungstrip in die nähere Umgebung zu machen, obwohl das Gepäck noch gar nicht vollständig ausgepackt worden war. Teils war es bereits in dem großen Schrank untergebracht, teils war es noch in den Koffern. Etliches lag noch unsortiert auf dem Schreibtisch, anderes vor allem die für den Urlaub vorgesehene Kleidung lag noch auf den Sesseln oder war auf den Betten ausgebreitet. Die Neugierde auf Spanien war zu groß, und so dauerte der erste Ausflug auch länger als vorgesehen. Die vielen neuen Eindrücke hatten die Zeit viel schneller vergehen lassen als unsere Nachbarn dachten. Obwohl es inzwischen Zeit zum Abendessen war, mussten sie zunächst wieder in ihr Appartement zurückkehren, da sie in der Eile vergessen hatten, Geld mitzunehmen. Ihr gesamte Bargeld hatten sie auf dem Schreibtisch liegengelassen. Beim Appartement angekommen machten sie eine überraschende Entdeckung. Die Tür war nur angelehnt. Zunächst dachten sie, sie hätten vergessen abzuschließen. Die Tür bewegte sich im leisen Luftzug und schlug in unregelmäßigen Abständen gegen den Rahmen. Sie drückten sie auf, ihr Zimmer öffnete sich langsam in seiner ganzen Ausdehnung - und sie kannten es nicht wieder. Es schnürte ihnen die Brust zu. Sie vermeinten in einem anderen Zimmer zu stehen, aber da lagen ihre Sachen. Hatte jemand ihre Sachen von einem Zimmer in ein anderes geräumt? Die Betten standen dort mit ihrem Badezeug, aber sie standen ganz anders. Sie standen nicht mehr nebeneinander, sondern v-förmig gespreizt, dergestalt, dass sie am Fußende etwa 1 m auseinander standen, am Kopfende allerdings friedlich vereint. Gemeinsam versuchten sie, die Betten wieder parallel nebeneinander zu stellen. Sie ließen sich nicht mehr bewegen, nicht einen cm vermochten sie sie zu bewegen. Schließlich entdeckten sie, dass sie zu einer Schrankwand gehörten. Man konnte sie morgens wieder aufrichten, in die Senkrechte stellen, wobei man die Oberbetten und Kissen mit einem an den Seiten befindlichen Gurt festzurrte. Abends wurden sie dann wieder heruntergelassen. Man hatte dadurch am Tage viel Platz gewonnen. Nun aber waren sie mit einem ungeheuren Kraftaufwand zu den Seiten geschoben worden. Ein Schreck durchfuhr sie; fast gleichzeitig fuhren sie auf. Das Geld, ihr gesamtes Geld hatte auf dem Schreibtisch gelegen. Aber da lag es noch, scheinbar unberührt. Waren die Eindringlinge im letzten Moment gestört worden? Aber wo waren sie geblieben? Vielleicht noch versteckt im Badezimmer? Nur dort konnte sie sich verborgen haben. Angst schnürte ihnen die Kehle zu. Schnell griffen sie Geld und Ausweise. Scheu hinter sich blickend stoben sie aus dem Zimmer. Schlossen noch mit dem letzten Mut der Verzweiflung die Zimmertür ab. Vor Angst und Erregung konnten sie nicht atmen und nicht schlucken. Nur schnell weg, nur nicht lange auf den Aufzug warten. Keuchend und stöhnend, vor Angst bibbernd flogen sie die Treppen hinab, zur Verwaltung unten, an der Theke, da musste doch der Hausmeister stehen, der ihnen vorhin noch das Gepäck nach oben gebracht hatte. Sie stürzten auf ihn zu und bedeuteten ihm, dass oben noch Einbrecher im Zimmer seien. Ja, Einbrecher, die zudem noch das gesamte Zimmer verwüstet und zerstört hatten.  
 
  Der Hausmeister brauchte lange, bis er die Lage begriffen hatte. Dann griff er zum Telefon und sprach schnell und aufgeregt in den Hörer, dann bedeutete er ihnen, dass die Guardia civile in wenigen Minuten kommen würde. Im Eingangsbereich des Hauses waren inzwischen mehrere Gäste eingetroffen. Sie hatten einiges mitbekommen, erkundigten sich, erfuhren, dass in den nächsten Minuten die Polizei eintreffen würde, um bewaffnete Gangster festzunehmen, die sich in den oberen Etagen verschanzt hatten. Die meisten steckten aufgeregt ihre Köpfe zusammen, blickten sich scheu um und verließen wieder das Haus. Einige kontrollierten noch vorher ihre Brieftaschen, aber die Speiseräume wurden gemieden. Im Gegenteil, manche liefen noch schnell in sie hinein und warnten die anderen, die Messer uns Löffel schnell beiseite legten und in die Eingangshalle kamen. Sie überlegten, ob sie noch schnell ihre Zimmer aufsuchen sollten, um Wertgegenstände oder Papiere herauszuholen. Die Angst ließ sie jedoch das Weite draußen aufsuchen.  
 
  Unser Ehepaar schreckte zusammen, als plötzlich die Polizeisirenen ertönten, erst weit weg, dann immer näher kommend, selbst vor der Tür stehend, wurden die Hörner nicht abgestellt. Das ist ein alter Polizeitrick, den sie aus Deutschland kannten. Einbrecher wurden lange vorher gewarnt, dass sie sich aus dem Staube machen konnten, um so einer Konfrontation mit der Polizei zu entgehen. Mit ernsten und entschlossenen Gesichtern betraten schließlich drei schwarze Uniformierte das Haus und ließen sich schnell die Situation erklären. Mit größter Vorsicht sicherten sie den Fahrstuhl, bevor sie nach oben fuhren. Vorher hatten sie sich noch die Schlüssel geben lassen und hatten bald die Wohnung gefunden. Zwei Mann sicherten jeweils mit ihren Pistolen, während der dritte laut gegen die Tür pochte und auf spanisch die Vermuteten aufforderten, mit erhobenen Händen herauszukommen. Aber nichts rührte sich, es herrschte eine Stille wie am Strand des Meeres, welches man durch die große, geschlossene Fensterfront sehen konnte. Behutsam wurde die Tür aufgeschlossen, immer einer den anderen sichernd. Mit schnellen Sprüngen, immer seitwärts, mit beiden Händen die Pistolen umfassend, stießen sie vorsichtig die Badezimmertür auf. Aber auch hier war niemand. Erleichtert betrat nun das Ehepaar ihr Appartement. Wo waren die Eindringlinge, die das Zimmer so verwüstet hatten? Die Polizisten untersuchten sehr sorgfältig alle Möbel, öffneten auch alle Koffer und kamen schließlich zu den Betten, die sich ja nicht um einen Millimeter bewegen ließen. Sie deckten die Betten ab und untersuchten am Kopfende die Befestigungen. Die Betten, die man ja tagsüber hochstellen konnte, wobei das große Gewicht sehr leicht im Gleichgewicht gehalten werden musste, waren an jedem Ende mit jeweils acht äußerst starken Federn an starken Holzkonstruktionen befestigt. Und dort waren an jedem Bettende jeweils drei aus dem hinteren Balken herausgerissen worden. Die verbliebenen drei an jedem Bett hatten mit ihrer Kraft, immerhin waren sie fast unterarmdick, die Betten auseinander gerissen. So war der Eindruck schlimmsten Vandalismus entstanden. Erleichterung und Gelächter machten sie breit. Schnell wurde von der Hausverwaltung eine andere Wohnung bereitgestellt. Erleichterung auch bei allen übrigen Bewohnern. Manche hätten es gern spannender gehabt, andere mussten erst wieder herein geholt werden und noch andere waren gar nicht mehr auffindbar. Sie hatten sich in die größte Sicherheit eines weit entfernten Restaurants begeben. Alle aber hatten das Gefühl, größten Mut bewiesen zu haben.  

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  © Copyright 2009, letzte Modifikation am 05.01.2009